Ein Güterzug wird geplündert

Frau Elisabeth Kloth (heute Hamburg) berichtet:

Es war in den letzten Kriegstagen, also etwa Mitte Mai 1945 - wir wohnten damals in der Bismarckstraße, Haus-Nr. 33, also an der Bahn - als wir um die Mittagszeit plötzlich unseren Nachbarn, Herrn K., mit einer geschulterten Schweinehälfte von den Gleisen durch unseren Garten kommen sahen. Er lief trotz der beachtlichen Last recht schnell zu seinem auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindlichen Haus.

Wir begaben uns - meine Großmutter, meine Mutter, meine Schwester und ich - durch den Garten an die Bahnschienen. Aus Richtung Bahnhof hörten wir Schüsse. Da kam auch schon unser Nachbar K. wieder zurück, um erneut zum Bahnhof zu laufen. Er entschuldigte sich, daß er durch unseren Garten gelaufen war und berichtete gleichzeitig, daß auf dem Bahnhof ein ganzer Güterzug voller Lebensmittel und Waren für die Militärversorgung von der Bevölkerung geplündert werde. Sofort schlossen sich meine Mutter, meine Schwester und ich uns K. an und liefen ebenfalls an den Gleisen entlang zum Bahnhof. Dort stand tatsächlich der Güterzug, das Gleisfeld wimmelte vor Menschen. Als wir an der Lokomotive vorbeiliefen, warnte uns der Lokführer „Paßt auf, Deerns, da wird geschossen.“ Die Schüsse hatten wir ja schon im Garten gehört, jetzt war es aber wirklich gefährlich: Bahnpolizei oder Feldjäger, das weiß ich nicht mehr so genau, schossen mit Gewehren über die Köpfe der Menge hinweg, man hörte zuweilen das Jaulen der Querschläger. Wir enterten den erstbesten Güterwagen, dort fanden wir noch mehrere Säcke mit Haferflocken sowie einige Militärmäntel vor. Zwei Säcke nahmen wir mit, meine Mutter trug einen, meine Schwester und ich den anderen. Ich selbst hatte mir noch einen nagelneuen Militärmantel über die Schulter geworfen. So beladen, eilten wir durch das Gewimmel an den Gleisen zurück nach Hause. Dort erwartete uns schon meine Großmutter, die sich während unserer Abwesenheit doch sehr um unsere Unversehrtheit gesorgt hatte. Nun aber kam noch ein Kraftakt auf uns zu: wir mußten die beiden 50-kg-Säcke die Böschung von den Gleisen zu unserem Garten hinaufschaffen. Ich sehe noch meine Mutter mehrfach mitsamt ihrer Last wieder die Böschung hinunterkullern. Zuletzt schafften wir es mit vereinten Kräften: Mutter trug, Oma zog und wir Mädchen schoben.

Von den Haferflocken haben wir uns mehrere Monate ernährt, wir sahen schließlich aus wie gemästet. Der Militärmantel wurde zu einem Damenmantel umgearbeitet, den ich noch mehrere Jahre trug.

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